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Metapher

 

Die Metapher von der 'Qualität der Zeit'

 

 

Dr. Peter Niehenke:

 

Die Metapher von der Qualität der Zeit

Das Wesen der Zeit und das Wesen des Menschen

 

Vortrag anläßlich des DAV-Kongresses vom 28. - 30. Juni 2002 in München unter dem Motto: "Geburt - Tod - Transzendenz"

Nicht der Fluss fließt, sondern das Wasser.

Nicht die Zeit vergeht, sondern wir.

(Autor unbekannt)

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren

Liebe Kolleginnen und Kollegen

Die meisten von ihnen werden wissen, dass ich es liebe, Gewohntes zu hinterfragen, scheinbar Selbstverständliches in Frage zu stellen und fragwürdig werden zu lassen. Auch heute wieder will ich dieser Gewohnheit frönen, denn als ausgeprägter Stier hänge ich sehr an meinen Gewohnheiten. Schon diese Formulierung zeigt ihnen aber, dass der Stier mich nicht ausreichend charakterisiert, denn offenbar spiele ich auch gern mit Paradoxien. Da schlägt mein Zwillingsmerkur durch, und der ist es auch, dem ich meine Liebe zur Logik verdanke.

Logik ist zugegebenermaßen etwas Unnatürliches (wenn das nicht so wäre, würde es nicht so viel Mühe machen, sie den Kindern beizubringen, und Mathematik wäre nicht ein so unbeliebtes Fach bei vielen Schülern). Die natürliche Form des Denkens ist das Denken in Analogien. Vermutlich ist die Empfindung vieler Menschen gar nicht so falsch, dass es geradezu ein Akt der Gewalt ist, dem analogen Denken mit Logik zu begegnen. Mit einem gewissen Recht empfinden sie, dass die Logik dem Denken Fesseln anlegt, denn in der Tat dient ja auch die Logik dazu, den 'freien Fluss der Assoziationen' zu lenken und zu kontrollieren. Da ich aus Erfahrung weiß, dass die Konfrontation mit der Gewalt der Logik zu Unmut führen kann, besonders, wenn dabei Grundüberzeugungen, gedankliche Selbstverständlichkeiten plötzlich fragwürdig erscheinen, möchte ich mit diesen Vorbemerkungen potentiellem Unmut wenigstens die Spitze nehmen.

In meinem Vortrag geht es überwiegend um das Thema Zeit. Carl Gustav Jung postulierte, dass die Zeit ein konkretes Kontinuum mit bestimmten Eigenschaften und Qualitäten sei und diese Formulierung wurde von Astrologen dankbar aufgenommen. Auch für viele von Ihnen, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, dürfte gelten, dass sie Astrologie als die 'Wissenschaft von der Qualität der Zeit' ansehen. Ich habe mir dieses Thema für meinen Vortrag ausgesucht, weil ich diese Formulierung für wenig hilfreich halte, wenn wir weiter mit der Frage kommen wollen, worauf Astrologie wirklich basiert. Und daher versuche ich in diesem Vortrag zu zeigen, dass dieser Formulierung von Jung kein vernünftiger Sinn zugeordnet werden kann, wenn man sie wörtlich nimmt, dass man also diese Formulierung nur als Metapher verstehen kann und darf, was Jung allerdings selbst keineswegs so verstanden wissen wollte.

***

Ein unüberlegter Umgang mit dem Begriff der Zeit führt sehr schnell in allerlei Paradoxien. Erlauben Sie mir den Spaß, dies an einem äußerst populären Beispiel des Umgangs mit dem Begriff der Zeit zu demonstrieren: Es geht um die bei ScienceFictionAutoren so beliebten (und auch von Physikern ernsthaft diskutierten) 'Zeitreisen'. Vergegenwärtigen wir uns doch einfach einmal, was dort unserem Verstand angeboten bzw. zugemutet wird.

Wenn jemand in die Vergangenheit reist, also in der Zeit rückwärts, wie macht er es nur, dass dabei für die Welt die Zeit rückwärts, für ihn jedoch die Zeit (weiter) vorwärts läuft? Für ihn laufen ja die Dinge, die er erlebt, weiterhin 'nacheinander' ab, also 'vorwärts'. So wird er, wenn er z. B. in den Fünfziger Jahren 'angekommen' ist, subjektiv das Gefühl haben, vorher im Jahre 2002 'gewesen' zu sein. Und wenn er dann weiter in die Vierziger Jahre reist, dann war er vorher in den Fünfziger Jahren. Seine Zeit läuft also vorwärts: Er wird auf seiner Reise in die Vergangenheit älter, nicht jünger. Und während seine Zeit vorwärts läuft, durcheilt er die Zeit der Welt rückwärts? Wie ist ein solches Kunststück möglich?

Wenn Zeitreisen möglich sind, dann ist auch die Diskussion über das Klonen von Menschen ziemlich überflüssig. Wir holen uns die Einsteins, die Sportskanonen wie die Beckers und die Schönheiten wie die Kleopatras einfach, so oft wir wollen, aus der Vergangenheit. Ich könnte z. B. mit lauter identischen Peter Niehenkes eine ganze Fußballmannschaft aufstellen (besonders nützlich wäre das nicht, denn ich bin eine Null im Sport, aber es wäre möglich). Ich fahre einfach in das Jahr 1969, da war ich in der Blüte meiner Jahre: zwanzig Jahre alt (aber trotzdem, wie schon betont, eine Null in Sport). Dort hole ich mich ab. Ich stelle jetzt mal die Frage zurück, ob ich dann dort, im Jahre 1969, überhaupt anschließend noch da bin/war, oder ob ich dort 'verschwinde' bzw. verschwunden bin und daher eigentlich heute so, wie ich hier vor ihnen stehe, gar nicht vor ihnen stehen könnte, denn ich wäre ja dann nie Astrologe geworden. Also angenommen: Ich verschwinde an meinem Geburtstag im Jahre 1969. Dann fahre ich einfach beim nächsten Mal an den Zeitpunkt einen Tag vor meinem Geburtstag, denn da bin ich ja noch nicht 'verschwunden' (ich verschwinde ja erst am Tage meines 20. Geburtstages). Dann hole ich mich dort einfach ein zweites Mal ab. Nebenbei: Der Begriff 'Selbstgespräch' bekommt, sollten Zeitreisen einmal möglich werden, eine ganz neue und eigenartige Bedeutung. Na, ja: Ich könnte auf diese Weise jedenfalls eine ganze Armee mit lauter identischen Peter Niehenkes aufstellen! Besonders nützlich wäre auch das nicht, denn auch als Soldat wäre ich vermutlich eine Null  aber es wäre möglich, wenn Zeitreisen in der Art, wie Science-Fiction-Autoren es so gern entwerfen, möglich wären. Um die Absurdität der Vorstellung von Zeitreisen dieser Art auf die Spitze zu treiben, können wir uns ja vorstellen, dass ich im Jahre 1969 vielleicht keine Lust habe, mit mir aus dem Jahre 2002 eine Zeitreise zu beginnen und dass ich mich gegen diesen alten Knacker von 52 Jahren, der offensichtlich 'ne Meise hat, wehre. Stellen wir uns vor, in diesem Kampf kommt es zu einem Unfall und der 20jährige Peter Niehenke stirbt. Treiben wir es noch ein Stück weiter: Vielleicht sind Zeitreisen erst in 100 Jahren möglich und in 100 Jahren wird jemand in das Jahr 1969 zurückkehren und mich töten. Im bin dann im Jahre 2002, also heute, natürlich schon längst tot. Möglicherweise steht hier also vor Ihnen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, ein Untoter, ein Geist.

Der Grund, warum ich diesen Unsinn so vor ihnen ausbreite besteht darin, für Logik zu werben. Dem analogen Denken, dem Denken in Assoziationen macht es keinerlei Probleme, sich Zeitreisen vorzustellen: Warum sollte es schließlich nicht möglich sein, sich in eine Maschine zu setzen und man kommt halt im Jahre 1969 an. Erst logisches Denken offenbart die in dieser Vorstellung liegenden Aporien, die unüberbrückbaren Widersprüche zu der Vorstellung von einer unabhängig von den Objekten dieser Welt dahin fließenden Zeit, denn meine Zeit würde ja dann in entgegengesetzte Richtung zur Zeit der Welt laufen müssen wir hätten also mindestens schon einmal zwei verschiedene parallele Zeitflüsse in einer Welt.

Wenn man die Zeit als eine dem Raum verwandte Dimension betrachtet, in der man sich, wie im Raum, hin und herbewegen kann, dann kommt offenbar einfach Unsinn dabei heraus.

Was aber ist Zeit, wenn nicht eine dem Raum analoge Dimension?

Ich weiß, dass sich über diese Frage viele sehr kluge Menschen bereits Gedanken gemacht haben (ich nenne nur so ehrfurchtseinflößende Namen wie Aristoteles, Augustinus oder Kant). Und Sie können sich sicher vorstellen, dass sehr unterschiedliche Ansichten und Theorien dabei herausgekommen sind. Manche Philosophen sind zu der Auffassung gelangt, dass es Zeit gar nicht gebe. Diese zunächst sehr ungewohnt klingende Auffassung ist, wenn ich es richtig sehe, in der Tat die einzige, die nicht in Konflikt mit den Prinzipien der Logik gerät. Auf den ersten Blick aber ist sie natürlich ganz offensichtlich falsch!

Was soll das schließlich heißen: Es gibt keine Zeit? Natürlich gibt es die Zeit! Sie bestimmt, mindestens in unserer Kultur, in einem unglaublichen Ausmaß unser Leben.

Es gibt aber auch Pumuckl und Donald Duck (auch die haben übrigens durchaus Einfluss auf unser Leben). Oder gibt es Pumuckl und Donald Duck in Wirklichkeit nicht?

Lassen wir die Frage offen und versuchen es mit einer Frage, die uns Astrologen jedenfalls näher liegt: Es gibt bekanntlich Sternbilder! Oder gibt es die Sternbilder in Wirklichkeit nicht? Überlegen wir uns das einen Moment: Am Himmel gibt es Sterne zu sehen. Wir fassen eine Anzahl dieser Sterne zu einer Gruppe zusammen und geben dieser Gruppe einen Namen. So erschaffen wir ein Sternbild. (Das ist übrigens so ähnlich wie bei der Erschaffung eines Astrologen: In Deutschland wird man ja einfach dadurch Astrologe, dass man sich so nennt.)

Ich möchte diesen Gedanken, der etwas mit der Frage zu tun hat, was wir eigentlich damit meinen, wenn wir sagen: 'Es gibt ...', noch an einem anderen Beispiel veranschaulichen: Wir fassen die verschiedenen Fähigkeiten der Menschen, bestimmte Arten von (geistigen) Problemen lösen zu können, zu einer Gruppe zusammen, und geben dieser Gruppe von Fähigkeiten den Namen 'Intelligenz'. Schon ist auch hier wieder eine neue menschliche Qualität geboren (um nicht zu sagen 'erfunden'); sie besteht, wie die Sterne eines Sternbildes, aus lauter bereits Bekanntem, das wir nur unter einem Namen zusammengefasst haben. Aber solch ein Name hat halt seine eigene Magie. So meinen wir Psychologen sogar zu wissen, dass man diese (erfundene) menschliche Qualität 'messen' könne.

Die Struktur unserer Sprache verführt uns dazu, Dingliches zu sehen (selbst in Bewegungen bzw. Abläufen), sobald wir ein Substantiv oder einen Namen hören. So kann dann der Wind (ein Geschehen!) sogar zu einem handelnden Subjekt (einem 'Geist') werden. Wenn wir statt von 'der Wind' von 'das Winden' sprechen würden, wäre die Gefahr geringer, doch dann würden wir einer anderen Verführung unserer Sprache und der 'Natur' unseres Denkens erliegen und danach suchen, wer oder was da 'windet'. Die Welt ist für uns gar nicht anders vorstellbar, als dass zu einer Bewegung ein Beweger gehört.

Wie soll man denn da noch denken oder gar vernünftig miteinander diskutieren können, wenn wir nicht einmal verstehen, was es denn bedeutet zu sagen: 'Es gibt die Zeit!' Es ist aber nicht so verwirrend, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Wir dürfen einfach nicht vergessen, dass die Phänomene unserer Welt auf sehr, sehr unterschiedliche Weise Teil unserer Welt sind. Ein Gedanke ist eben auf eine ganz andere Art Teil unserer Welt als es ein Stein ist.

Und die Zeit?

In dem Sinne wie es Sternbilder, Intelligenz und den Wind gibt, in diesem Sinne gibt es selbstverständlich auch die Zeit.

Und nachdem wir uns der scheinbaren Selbstverständlichkeit, dass es natürlich die Zeit gibt, vergewissert haben, möchte ich nun deutlich machen, in welchem Sinne es die Zeit nicht gibt.

Wir behaupten Geräte zu besitzen, mit denen wir die Zeit messen können. Wir nennen sie Uhren. Und wie funktionieren Uhren? Sie machen nichts anderes als Veränderungen zählen. Bei der Sanduhr ist das noch ganz augenfällig (Sandkörner oben  Sandkörner unten). Aber auch die Quarzuhr macht nichts anderes, als Schwingungen (also Veränderungen) zu zählen.

Machen wir ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, der gesamte Kosmos würde still stehen. Nichts, kein einziges Elementarteilchen würde sich bewegen, kein Zustand eines Teilchens würde sich verändern. Stellen wir uns also vor, der gesamte Kosmos verharre in einem bestimmten Zustand. Alle Teilchen in unserem Gehirn stünden ebenfalls still. Und selbstverständlich stünden auch alle Uhren still. Würde die Zeit dennoch weiterlaufen? Sozusagen vom Kosmos unbemerkt (denn 'bemerken' würde ja eine Informationsübertragung, also eine Veränderung bedeuten)? Und was sollte die Formulierung, die Zeit laufe weiter, dann für einen Sinn haben?

Eines der unanschaulichsten und spannendsten Resultate der Quantenphysik ist die Erkenntnis, dass Raum und Zeit gequantelt sind, dass also weder der Raum noch die Zeit beliebig geteilt werden können. Es gibt eine kleinste Zeiteinheit! Das heißt, es gibt eine Zeiteinheit, die man nicht mehr weiter unterteilen kann, von der es also nicht die Hälfte gibt. Sie liegt übrigens in der Größenordnung von 10E-43 Sekunden. Diese Zahl wird vielen von Ihnen überhaupt nichts sagen. Ich will versuchen, sie ein wenig zu veranschaulichen. Vielleicht kennen einige von Ihnen das Gleichnis, mit dem uns Kindern früher der Begriff der Ewigkeit veranschaulicht werden sollte. Ich will dieses Gleichnis in abgewandelter Form benutzen, um Ihnen eine Vorstellung davon zu geben, wie unvorstellbar groß die Zahl 10E43 ist, und wie unvorstellbar klein damit die Zahl 1/10E43 , eben 10E-43 ist. Wenn Sie sich vorstellen, dass ein Vogel seinen Schnabel an einem Stein wetzt und dabei etwa 1 Milligramm des Steines abreibt, dann würde dieser Vogel, wenn er diese Handlung 10E43 Mal wiederholt, 10E36 Tonnen Stein abgewetzt haben. das ist die Masse von einer Milliarde Planeten in der Größe der Erde. Und nun drehen wir es um: Wenn der Vogel für ein Mal Wetzen nur 10E-43 Sekunden benötigen würde, dann hätte er in einer Sekunde Zeit für das Abwetzen von Trillionen von Gebirgen von der Größe der Alpen.

Es ist also wahrlich ein sehr kleiner Zeitraum, doch wenn die Zeit fließen sollte, muss es zu jedem Zeitraum auch die Hälfte davon geben. Das aber steht im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Quantentheorie.

Wenn es möglich wäre, einen Zeitpunkt in dieser Genauigkeit von 10E-43 Sekunden zu fixieren, dann wäre der nächst mögliche Zeitpunkt mindestens 1043 Sekunden später. Einen Zeitpunkt von 10E-50 Sekunden später GÄBE ES EINFACH NICHT, ein solcher Zeitpunkt wäre nicht existent. Das hört sich nur dann fremdartig oder unglaubwürdig an, wenn man von dem Gedanken, dass es die Zeit wirklich gibt und dass sie fließt, also nicht 'ruckelt', sondern gleichmäßig fließt, nicht loslassen kann. Wenn man aber einmal verstanden hat, dass Zeit nur ein Name ist, und dass unter diesem Namen einfach die vielfältigen Phänomene der Veränderung von Zuständen zusammengefasst werden, dann ist es gar nicht mehr paradox, dass es einen bestimmten Zeitpunkt nicht geben könne. Es ist genau so wenig paradox, wie dass es in einer Straße eine bestimmte Hausnummer nicht geben kann, weil vielleicht nur gerade Hausnummern vergeben wurden.

Versuchen wir einmal, anschaulich zu deuten (was zugegebenermaßen nicht ganz zulässig ist, denn die Verhältnisse in diesem Größenordnungsbereich sind mit Anschauung eigentlich inkompatibel), was mit der Tatsache, dass die Zeit gequantelt sei, gemeint ist. Grob vereinfacht bedeutet es, dass der Ablauf der Geschehnisse in uns und um uns herum dem Abspulen einer Filmrolle vergleichbar ist: Jede Bewegung wird vom Filmapparat in 36 Momentaufnahmen pro Sekunde zerlegt. Wir nehmen den Filmablauf als "fließendes Geschehen' wahr, aber in Wahrheit sehen wir in jeder Sekunde 36 einzelne Bilder hintereinander. Zwischen zwei Bildern auf der Filmrolle liegen 1/36 Sekunden. Was in dieser Zeit zwischen zwei solchen Bildern passiert, ist auf dem Film nicht drauf. Jetzt versuchen Sie sich einmal vorzustellen, alles Geschehen würde nicht nur von der Filmkamera, sondern auch in der Realität in kleine Stücke zerlegt, und zwar 36 Stücke in jeder Sekunde. Stellen Sie sich vor, dass die gesamte Welt für 1/36 Sekunde völlig starr ist und dann plötzlich ohne Zwischenstufen in den nächsten Zustand springt, und dann wieder für 1/36 Sekunden starr ist. Wenn Sie sich das vorstellen können, sind Sie schon ganz nah dran. Jetzt müssen Sie nur noch von der Vorstellung Abschied nehmen, dass zwei hintereinander liegende Zustände der Welt durch irgendetwas Raumartiges (nämlich einen ZeitRAUM) getrennt seien. Vergessen Sie die Zeit. Wenn 36 Veränderungen des Zustands unseres Kosmos zusammengekommen sind, dann zeigen unsere Uhren, dass eine Sekunde abgelaufen sei. Denken Sie einfach nur noch in hintereinander liegenden Änderungen des Zustands der Welt.

Der Kosmos ändert seinen Zustand also in kleinen Portionen. Eine Sekunde ist also nichts anderes als die Summe von 1043 kleinstmöglichen Veränderungen des Zustands unseres Kosmos. Die Uhr ist der Zeit wirklich 'wesensverwandt': Sie macht nichts anderes, als Veränderungen summieren bzw. zählen.

***

Eigentlich bräuchten wir jetzt eine Pause, damit Sie sich an die Veränderungen der Sichtweise, die ich Ihnen hier gerade angeboten habe, ein wenig gewöhnen können. Aber wir befinden uns auf einem Kongress mit einem strengen Zeitmanagement. Wir haben also leider keine Zeit für eine Pause. :-)

***

Ich frage mich: Wie kann etwas, das es eigentlich gar nicht gibt, eine Qualität haben? Fragen wir etwas weniger provozierend: Was könnte man damit meinen, wenn man von einer 'Qualität der Zeit' spricht? Ist diese Formulierung einfach Unsinn, so wie wenn man danach fragen würde, welche Farbe die Schwerkraft hat (ob die Schwerkraft also grün oder rot ist) oder wie wenn man jemanden fragen würde: 'Sind ihre Haustiere eigentlich gewerkschaftlich organisiert?' Oder ist diese Formulierung das, als das ich sie kennzeichne: eine Metapher, also eine Redewendung, die nicht im direkten, sondern nur in einem übertragenen Sinne gemeint ist (wie die Redewendung: 'Im Hafen der Ehe'). Mit einer Metapher aber kann man nichts 'erklären' (in diesem Fall die Astrologie), denn sie verweist nur auf Analogien, und mit einer Analogie etwas 'erklären' zu wollen, nennt man in der Wissenschaftsgeschichte seit dem Altertum einen 'analogischen Fehlschluss'. Mit einer Metapher kann man etwas 'veranschaulichen", man kann mit ihr zum Nachdenken anregen. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Also lassen wir uns doch durch diese Metapher ein wenig zum Nachdenken anregen.

Ich habe bisher sehr viel über die physikalische Realität und die physikalische Zeit gesprochen, und das ist ja auch die eine Seite der Astrologie: Charakteristisch für die Astrologie ist ja, dass sie eine Brücke von der physikalischen Realität, der Konstellation der Gestirne, zur biologischen Realität und zum Erleben eines Organismus schlägt, und genau das ist ja für viele Kritiker der Astrologie auch das Provozierende.

Was bisher fehlt, ist die Betrachtung unseres Zeiterlebens. Dem möchte ich mich nun zuwenden und versuchen, etwas davon zu verstehen, was die Menschen damit meinen und meinten, wenn sie formulierten: "Alles hat seine Zeit!" oder wenn sie von "der rechten Zeit' (etwa für ein Vorhaben) sprechen, wenn sie also von der 'Zeitqualität' reden.

Der älteste Nachweis für den Begriff Zeitqualität findet sich bei den 'Sieben Weisen', zu denen auch Thales gehörte, und zwar bei Pittakos (er lebte in der zweiten Hälfte des 7. vorchristlichen Jahrhunderts). Von Pittakos kennen wir 13 Sprüche, darunter einen, der aus zwei Worten besteht: Kairon gnoti: Erkenne den rechten Augenblick. Aristoteles hat später in seiner Nikomachischen Ethik eine Definition dessen versucht, was im Bereich des menschlichen Handelns unter dem rechten Augenblick zu verstehen sei. Er bestimmt den rechten Augenblick (Kairos) als das Gute in der Kategorie der Zeit, das günstige Wann in jeder Art von Bewegung (Kinesis).

Auch der christliche Festkalender bietet ein Beispiel für die Qualifizierung der Zeit. Bekanntlich hatte das christliche Mittelalter fast alle Tage mit einem HeiligenFest belegt, das im Allgemeinen bei den historisch fassbaren Persönlichkeiten auf deren Todestag gefeiert wird, so dass die Zeit hierdurch eine ganz bestimmte Qualität erhält. Die Wahl des Todestages eines Heiligen, die für den Träger seines Namens dessen Namenstag ist, wurde bereits in der christlichen Frühzeit bewusst gegenüber dem im römischen Reich üblichen Geburtstag gesetzt, indem man den Tod des betreffenden Heiligen als seinen 'Geburtstag zum ewigen Leben' auffasste und so die Feier der Geburtstage bei den Heiden durch eine solche der christlichen Namenstage ersetzte, die bis in die frühe Neuzeit hinein darüber hinaus meist mit dem Tauftag seines Trägers zusammenfiel.

Durch den Berliner Kreis der religiösen Sozialisten Kairoskreis  wurde der Begriff der Qualität der Zeit im Jahre 1920 in die moderne theologische Diskussion eingeführt. Er bedeutet gegenüber der formalen Zeit (der physikalischen Zeit also), die im Griechischen mit dem Begriff Chronos bezeichnet wird, der übrigens häufig mit dem Namen des griechischen Wetter und Erntegotts Kronos (mit K), der bei den Römern Saturn hieß, verwechselt wird, die 'gefüllte Zeit', die 'rechte Zeit'.

Der Begriff einer 'gefüllten Zeit' im Gegensatz zu ihrem physikalischen Ablauf lässt sich allerdings bereits um 250 v. Chr. in der alttestamentischen Schrift 'Ekklesiastes' nachweisen. Dort heißt es: Es gibt für alles Tun eine rechte Zeit. Es meint das Tun der Menschen bezogen auf einen rechten Augenblick: Das Gebären und Sterben, Pflanzen und Ernten, Töten und Heilen, Zerstören und Bauen, Weinen und Lachen, Klagen und Tanzen, Schweigen und Reden.

Irgendwie spüren wir, dass in dieser Behauptung eine tiefe Wahrheit liegt. Aber die Wahrheit, die wir hier spüren, ist nicht eine physikalische, oder besser gesagt eine naturgesetzliche. Es geht um eine psychologische, vielleicht auch um eine spirituelle Wahrheit. Die Wahrheit, um die es hier geht, wird in 'Der kleine Prinz', diesem wunderschönen kleinen Werk von Antoine de Saint-Exupery, in einer liebenswerten Weise Kindern und Erwachsenen nahe gebracht.

"Und die Sterne gehorchen Euch?" fragt der kleine Prinz den König.

"Gewiss", sagte der König. "sie gehorchen aufs Wort. Ich dulde keinen Ungehorsam."

Solche Macht verwunderte den kleinen Prinzen sehr. Wenn er sie selbst gehabt hätte, wäre es ihm möglich gewesen, nicht dreiundvierzig, sondern zweiundsiebzig oder sogar hundert oder selbst zweihundert Sonnenuntergängen an ein und demselben Tage beizuwohnen, ohne dass er seinen Sessel hätte rücken müssen. Und da er sich in der Erinnerung an seinen kleinen verlassenen Planeten ein bisschen traurig fühlte, fasste er sich ein Herz und bat den König um eine Gnade.

"Ich möchte einen Sonnenuntergang sehen... Machen Sie mir die Freude... Befehlen Sie der Sonne unterzugehen..."

"Wenn ich einem General geböte, nach der Art der Schmetterlinge von einer Blume zu andern zu fliegen oder eine Tragödie zu schreiben oder sich in einen Seevogel zu verwandeln, und wenn dieser General den erhaltenen Befehl nicht ausführte, wer wäre im Unrecht, er oder ich?"

"Sie wären es", sagte der kleine Prinz überzeugt.

"Richtig. Man muss von jedem fordern, was er leisten kann", antwortete der König. "Die Autorität beruht vor allem auf der Vernunft. Wenn du deinem Volke befiehlst, zu marschieren und sich ins Meer zu stürzen, wird es revoltieren. Ich habe das Recht, Gehorsam zu fordern, weil meine Befehl vernünftig sind."

"Was ist also mit meinem Sonnenuntergang?" erinnerte der kleine Prinz, der niemals eine Frage vergaß, wenn er sie einmal gestellt hatte.

"Deinen Sonnenuntergang wirst du haben. Ich werde ihn befehlen. Aber in meiner Herrscherweisheit werde ich warten, bis die Bedingungen dafür günstig sind."

"Wann wird das sein?" erkundigte sich der kleine Prinz.

"Hm, hm!" antwortete der König, der zunächst einen großen Kalender studierte, "hm, hm! Das wird sein gegen... gegen... das wird heute Abend gegen sieben Uhr vierzig sein! Und du wirst sehen, wie man mir gehorcht."

'Alles hat seine Zeit' bedeutet auf keinen Fall, dass es einen Zeitpunkt gibt, an dem ein bestimmtes Tun aufgrund der Qualität des Moments allgemein passend wäre. Es kann für mich etwas jetzt an der Zeit sein, für das bei einer anderen Person jetzt noch nicht die 'richtige Zeit' ist. 'Alles hat seine Zeit', bedeutet unter anderem, dass man den zweiten Schritt nicht vor dem ersten Schritt tun kann  oder tun sollte. Wenn wir statt 'Alles hat seine Zeit' formulieren würden: 'Für jede Handlung gibt es die passende Gelegenheit!', dann sind wir der Gefahr, eine Metapher wörtlich zu nehmen, schon entronnen Wenn man der physikalischen Zeit eine Qualität zuschreibt, dann verwechselt man den physikalischen Zeitablauf mit dem subjektiven Zeiterleben, verwechselt die passende Stelle in einem bestimmten Ablauf mit einem bestimmten Zeitpunkt.

Der 'richtige Moment' ist keine 'Eigenschaft' der Zeit, sondern es ist ein bestimmter Punkt in einem bestimmten Ablauf (etwa einer Krankheit), und es kommt auf diesen Punkt im Ablauf, nicht aber auf den dazugehörigen Zeitpunkt an. Auch 'vormittags' oder 'Sonnenaufgang' sind ja in Wahrheit keine Zeitpunkte, sondern es sind Punkte in einem Ablauf (beim Sonnenaufgang dem Ablauf von Tag und Nacht an einem bestimmten Ort). Wenn es eine Eigenschaft eines bestimmten Zeitpunktes wäre, dass die Sonne aufgeht, ja dann würde sie ja an jedem Ort der Erde zur gleichen Zeit aufgehen.

Wir Astrologen brauchen die Zeit übrigens nicht, jedenfalls nicht mehr als alle Menschen. Wir arbeiten nicht mit Zeiten, wir arbeiten, und das sollten wir uns bewusst machen, mit Konstellationen. Die Zeit benötigen wir in derselben Weise, wie wir einen Taschenrechner oder hilfsweise Tabellenwerke benötigen: Uns geht es nämlich nicht um Zeitpunkte, sondern um bestimmte Stellen im Ablauf der Planetenbewegungen. Wenn die Konstellationen der Planeten unseres Sonnensystems Ausdruck für eine 'Qualität der Zeit' wären, dann würde diese 'Qualität der Zeit' den Kepler'schen Gesetzen der Planetenbewegung gehorchen müssen  wahrlich eine etwas eigenartige Vorstellung.

Kommen wir zum Schluss.

Nicht der Fluss fließt, sondern das Wasser!  Nicht die Zeit vergeht, sondern wir.

Ich habe noch nirgendwo schöner ausgedrückt gefunden, dass man nicht über die Zeit sprechen kann, ohne über den Tod zu sprechen, denn das Wesen des Menschen ist dem Wesen der Zeit sehr verwandt.

Wissen Sie noch, wann sie ihren jetzt erwachsenen Sohn oder ihre jetzt erwachsene Tochter das allerletzte Mal, als sie noch kleine Kinder waren, auf den Arm oder Schoß genommen und mit ihnen geschmust haben? Meist wissen wir so etwas nicht. Es gibt da einen Zeitpunkt, um die Pubertät herum, da wollen die meisten Kinder nicht mehr auf den elterlichen Schoß und, meist schon etwas vorher, sind sie auch zu schwer, als dass man sie noch auf den Arm nehmen könnte. Irgendein Mal aber war das letzte Mal. Wenn ihnen in dem Moment jemand gesagt hätte: 'Du wirst deinen Sohn von nun an nie wieder auf deinen Schoß nehmen', dann hätten sie diesen Moment mit Sicherheit noch in Erinnerung. Sie hätten diesen Moment als einen bedeutsamen Moment in Erinnerung. Doch da wir es in dem Moment nicht wussten, schien es einfach ein Mal unten vielen, vielen Malen, dass wir den Kleinen auf den Schoß genommen haben. In Wahrheit ging in diesem Moment lautlos ein Lebensabschnitt zuende. Es war eine Art Tod. Das Charakteristische am Tod ist ja dieses 'nie wieder'. Nach diesem allerletzten Mal kam es nie wieder vor. Meist wissen wir gottlob nicht, dass eine bestimmte Handlung, die wir gerade mit einem geliebten Menschen tun, jetzt das allerletzte Mal in unserem ganzen Leben ist, dass wir es nie wieder tun werden. Wenn wir so was immer wüssten, würden wir vermutlich von der Bedeutungsschwere der Momente, die wir dauernd erleben, erdrückt, würden alle Unbefangenheit mit dem Leben verlieren. Aber wir erleben jeden Tag Dinge, die für immer zuende sind, und was könnte Charakteristischer sein für das Thema Tod als ein Ende für immer?

So gesehen stirbt bei Erreichen des Jugendalters ein Kind. Es stirbt nicht von einem Tag auf den anderen. Es stirbt, wenn man so will, langsam und kontinuierlich. Schauen Sie sich doch ihre Kinder an? Was hat denn ihr jetzt erwachsener Sohn, der studiert oder gerade ein Geschäft eröffnet oder heiratet, wirklich noch gemein mit dem kleinen Jungen von 8 oder 10 Jahren, der mit heller Stimme Mama oder Papa rief, wenn er zeigen wollte, was er entdeckt hatte, und der morgens am Sonntag noch zu ihnen ins Bett wollte? Seine Stimme ist anders. Sein Aussehen ist anders. Sein Verhalten ist anders. Er versteht möglicherweise sogar selbst nicht mehr, wie er damals gehandelt und gefühlt hat, sieht, in der Retrospektive, vielleicht viele der Dinge, die er damals tat und fühlte, ausgesprochen distanziert. Vielleicht hat er, um ein drastisches Beispiel zu nehmen, als Kind Tiere gequält, wie manche Kinder das tun, hat einem Frosch ein Bein ausgerissen oder was auch immer und kann das heute gar nicht mehr gut finden, steht dem Kind, das er damals war, heute gegenüber wie ein Fremder.

Tatsache ist, dass es das Kind, dass er damals war, nicht mehr gibt. Es ist genau so weit weg, wie wenn es damals gestorben wäre. Dies gilt selbst rein körperlich: Vermutlich ist in dem Körper des Erwachsenen kein einziges Atom mehr, aus dem damals der Körper des Kindes bestand.

Wir drücken diese Erfahrung durch die Formulierung aus, dass Menschen sich verändern. Nur wenn die Veränderung ein bestimmtes Maß überschreitet, dann sagen wir: 'Du bist ein anderer Mensch geworden!" (meist meinen wir das erst noch als Vorwurf). In Wahrheit aber werden wir jeden Tag zu einem anderen Menschen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

 

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